Toyota in Le Mans

Ein Leben lang Respekt

Wie Toyota in Le Mans in letzter Sekunde verlor, aber Respekt für die Ewigkeit gewann.

24 Stunden voll am Anschlag, 384 Mal über eine 13,6 Kilometer lange Strecke, oft jenseits der 300, am Tag, in der Dämmerung, in der Nacht, im Morgengrauen. Le Mans ist der Schauplatz des berühmtesten, des längsten, des gefährlichsten Autorennens der Welt. Und das seit 1923. Nie aber schrieb dieses Rennen, rein sportlich gesehen, eine so zynische Pointe auf die letzte Seite des Drehbuchs. 263.500 (!) Zuschauer wurden fassungslose Zeugen eines bitteren Finales, und viele von ihnen weinten Tränen – aus Mitgefühl mit den unbedankten Helden.

Das Team von Toyota war, trotz einer sehr starken Leistung kurz davor in Spa, als leichter Außenseiter an die Sarthe gekommen, im Kampf gegen die beiden deutschen Marken Porsche und Audi. Zu neu und unerforscht war der Toyota TS 050 Hybrid noch, für den Le Mans erst das dritte Rennen war.

DAS ENDE EINES TRAUMES – ABER DER BEGINN EINES MYTHOS. TOYOTA TWITTERT NUR EIN WORT: „HEARTBROKEN“.

Doch als die Boliden bei feuchten Bedingungen auf die gefährliche und göttliche Reise geschickt wurden, da setzte es bald einen „Wow“-Effekt. Eine Doppelführung der schnellen Toyotas sorgte für Aufsehen, mit traumwandlerischer Sicherheit spulten sie Runde für Runde ab. Das Protokoll spricht eine klare Sprache: Führende nach 6 Stunden: Sarrazin/Conway/Kobayashi – Toyota. Führende nach 12 Stunden: Sarrazin/Conway/Kobayashi – Toyota. Führende nach 18 Stunden: Davidson/Buemi/Nakajima – Toyota. Der Brite Anthony Davidson, der Schweizer Sébastien Buemi, der Japaner Kazuki Nakajima. Ein Trio, das bis weit in die letzte Stunde dieses Marathons für Mensch und Maschine dominierte. Nakajima war auserwählt, den TS 050 Hybrid ins Ziel zu bringen. Der größte Moment seines Lebens, er war ganz, ganz nah. Doch dann der Augenblick, den keiner je vergessen wird. Exakt zwei Runden vor Schluss und genau vor der Toyota-Box bleibt Nakajima auf der Start-Ziel-Geraden stehen, ohne jede Vorwarnung. Wegen eines Defektes an einem Verbindungsstück bekommt der Turbo plötzlich keine Luft mehr, der Motor geht aus.

Doch auch in den Boxen bleibt allen die Luft weg: Fassungslosigkeit, Tränen, Umarmungen. Das Ende eines Traumes – aber der Beginn eines Mythos. Toyota twittert nur ein Wort: „Heartbroken.“ Minuten später wird Sieger Porsche mit einer öffentlichen Nachricht an Toyota alles auf den Punkt bringen: „24 Stunden gemeinsam gekämpft. 24 Stunden Kopf an Kopf. Ein Leben lang unseren Respekt verdient.“

Vier Monate später entwickelt sich das Sechs-Stunden-Rennen in Fuji zu einer epischen Schlacht – nie zuvor in der WM-Geschichte lagen die drei Hersteller so knapp beieinander. Am Ende siegt Toyota – Kamui Kobayashi, Mike Conway, Stéphane Sarazzin. Vorsprung: ganze 1,6 Sekunden. Aber Balsam auf den Wunden. Le Mans 2017 kann kommen.

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